Achtsamkeit

"Es bricht nur der Tag an für den wir wach sind. Die Sonne ist nur ein Morgenstern." H.D. Thoreau

 

Achtsamkeit oder Gewahrsein, bedeutet mit der Aufmerksamkeit ganz im Hier und Jetzt zu verweilen, zu bemerken, was gerade im eigenen Inneren und Äußeren vor sich geht. Es ist ein vollständiger Kontakt mit dem gegenwärtigen Moment – nicht denkend, sondern erlebend bzw. erfahrend. Integraler Bestandteil des Begriffes ist eine freundliche, offene Haltung des Herzens und des Geistes.

Das chinesische Ideogramm für Achtsamkeit ist das Schriftsymbol für „Gegenwärtigkeit“ über dem Schriftsymbol Ideogramm des Herzens. Die korrekte Übersetzung wäre also „Gegenwärtigkeit des Herzens“, was eine freundliche Offenheit beinhaltet.

Die in Achtsamkeitstrainings angewandten Methoden stammen aus den etablierten Bereichen der Psychologie und den Verhaltenswissenschaften, aus den Ergebnissen der neueren Neurowissenschaften und fußen allesamt auf den jahrtausende alten Traditionen meditativer Wege.

 

Konsequent betriebene Achtsamkeitspraxis bewirkt u.a. folgende Veränderungen im Gehirn:

  • deutlich erhöhte Aktivität in Zentren des Gehirns, die für das Glückserleben zuständig sind
  • Verbesserung der Gesamtkoordination der Gehirnfunktionen
  • Bessere Werte des Immunsystems; Rückbau von Stressparametern
  • Verlangsamung des Alterungsprozesses der Zellen
  • Bessere Heilungsraten bei diversen Krankheiten (schneller, vollständiger, weniger Rückfälle)

 

Zum Einsatz kommen Methoden, um

  • Die gegenwärtige Situation zu akzeptieren (radikale Akzeptanz)
  • Die Aufmerksamkeit ruhen zu lassen.
  • Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Ebenen (Geist, Seele, Körper)     zu richten
  • Den Körper intensiver wahrzunehmen
  • Die sinnliche Wahrnehmung zu intensivieren
  • Den inneren Beobachter zu etablieren.

In der Psychotherapie arbeiten wir mit unzähligen Konditionierungen, Mustern, bzw. Automatismen, die unbewusst ablaufen und uns das Leben erschweren

Vermittelt durch unsere gewohnheitsmäßigen Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensmuster entstehen Bilder, wie wir die Welt sehen. Diese Bilder oder auch Landkarten sind Konstruktionen unseres psychischen Systems, sie sind nicht die Landschaft selbst. In der Regel werden sie aber damit verwechselt (s.a. Systemischer Ansatz).

In der Hypnotherapie werden diese Bilder und das Funktionieren innerhalb dieser Bilder Alltagstrance genannt.

Die Alltagstrance ist z.B. der Zustand, in dem wir nicht wirklich bewusst wahrnehmen wo wir gerade sind (z.B. unter der Dusche; z.B. Verpassen einer Ausfahrt auf der Autobahn; z.B. Zerstreutheit) und geht bis hin zu Bildern oder Geschichten, die über äußere aber auch innere Ereignisse erzählt werden und die mit Tatsachen oder der Wirklichkeit verwechselt werden.

In der Psychotherapie, wie in der Achtsamkeitspraxis geht es darum bewusster zu werden: Immer mehr von dem mitzubekommen, was im gegenwärtigen Moment sowohl innen als auch außen abläuft. Achtsamkeit ist eine Methode zur Schulung und Untersuchung des Bewusstseins. Es ist die Methode, die sich am besten dazu eignet die Organisation der eigenen Erfahrung zu untersuchen.

 „Trübes Wasser, das ständig in Bewegung ist wird nie klar werden“

(Chinesischer Spruch)

HINTERGRÜNDE

  Achtsamkeit ist das Bewusstsein, das entsteht, indem man der sich entfaltenden Erfahrung von einem Moment zum anderen bewusst seine Aufmerksamkeit widmet und zwar im gegenwärtigen Moment und ohne dabei ein Urteil zu fällen (nach J. Kabat-Zinn).

 

Achtsamkeit ist eine angeborene Fähigkeit. Das Ziel von allen Übungspraktiken ist es einfache und wirksame Wege zu vermitteln, wie diese Fähigkeit kultiviert und verbessert werden kann.

Durch Achtsamkeit ist es möglich, sich selbst, verschiedene Anteile des eigenen Selbst bewusst wahrzunehmen: Gedanken, Gefühle und den Körper. Wenn der Mensch durch den Verstand gesteuert wird, dann versucht er Wissen auf intellektuelle Weise zu erlangen, denkt rational und logisch, plant sein Verhalten sorgfältig nach vernünftigen Gesichtspunkten, und verweilt meist entweder in der Gegenwart oder in der Zukunft. Die Zukunft ist aber ein Produkt der Phantasie und die Vergangenheit ist schon vorbei. Das einzige Leben – alles was Sie haben ist JETZT!!! Achtsamkeit bedeutet auch eine Verbindung mit dem gegenwärtigen SEIN aufzubauen. Ohne diese Gegenwärtigkeit fühlen wir uns isoliert, abgeschnitten, leer. Wir haben das Gefühl „daneben zu leben“.

Wenn ein Mensch – umgekehrt - vom Gefühl gesteuert ist, dann werden sein Denken und Verhalten in erster Linie von seinem momentanen Gefühl bestimmt. Die Gedanken sind “heiß”, vernünftiges, logisches Denken ist schwierig, Tatsachen werden verzerrt, um mit dem momentanen Gefühl oder der momentanen Stimmung überein zu stimmen. Wir verwechseln dann Ängste, vorgefasste Bilder und Konzepte mit dem gegenwärtigen Geschehen. Häufig werden in solchen Zuständen alte Erfahrungen in die Gegenwart projiziert und wiederholen sich auf diese Art und Weise in einer Art Endlosschleife.

Achtsamkeit ist ein Weg, um Gefühl und Verstand in ein Gleichgewicht zu bringen, Botschaften des Körpers in die momentane Bewusstheit zu integrieren und auf diese Weise zu einem ganzheitlichen, klaren und intuitivem Verstehen und Wissen zu gelangen.

Die Grundlage um achtsam wahrnehmen und beschreiben zu können, ist gemäß vieler Traditionen eine freundliche, urteilsfreie innere Haltung. Indem wir uns achtsam den sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten dieser Welt (Atmung, Raum, eine Blume, die Körperhaltung, etc.) im gegenwärtigen Moment zuwenden, nehmen wir immer wieder diese innere Haltung ein.

Auch uns selbst gegenüber, unserer Unkonzentriertheit, unseren Gedankenwürmern, unserer Ungeduld, etc. gegenüber nehmen wir wieder und wieder diese Haltung ein. Dies ist nicht einfach und erfordert immer wieder einen Neuanfang. Viele Lehrer von Achtsamkeit empfehlen deshalb sich den sogenannten Anfängergeist zu erlauben.

„…das menschliche Denken ist ein Naturvorgang. Gedanken wachsen im Gehirn, so wie das Gras auf der Wiese wächst…“ (A. Watts, 1983, S. 75)

 

In einem weiteren Schritt üben wir Gefühle, Gedanken, den Körper und Situationen wahrzunehmen. Dies setzt voraus, dass wir zur Ruhe kommen und unsere Aufmerksamkeit gezielt auf einen bestimmten Bereich richten, uns also konzentrieren können. Wahrnehmen gelingt nur, wenn wir weder (innerlich) davonlaufen bzw. verdrängen (z.B. ein unangenehmes Gefühl wie Wut), noch an etwas festhalten (z.B. einem angenehmen Gefühl, wie Entspannung).

„Wu Wei heißt mit den Erfahrungen und Gefühlen zu „rollen“, so wie sie kommen und gehen, so wie ein Ball in einem Gebirgsbach…das heißt, „mit dem Augenblick zu fließen“, aber es stellt sich erst dann ein, wenn man begreift, dass man nichts anderes tun kann, weil es keine Erfahrung gibt, die nicht jetzt geschieht.“ (A. Watts, 1983, S. 143)

 

In einem dritten Schritt üben wir zu beschreiben, was wir wahrgenommen haben. Dies ist hilfreich um ein Bewusstsein zu entwickeln, was wir fühlen bzw. was in uns vor sich geht. Schließlich erwächst daraus auch das Wissen, dass unsere Gedanken einfach nur unsere Gedanken und unsere Gefühle einfach nur unsere Gefühle sind und nicht die Widerspiegelung von Tatsachen darstellen. Wir hören auf, mit Gedanken und Gefühlen identifiziert zu sein und werden innerlich freier. Dieser letzte Schritt wird oft mit der Entwicklung des „Inneren Beobachters“ beschrieben. Dieser Begriff meint einen Zustand, in dem wir aus einer gewissen Distanz und gleichzeitig teilhabend präsent sind. Dieser Zustand ist eine wichtige Voraussetzung, um nicht von jeglichem Geschehen mitgerissen zu werden, sondern Wahlmöglichkeiten und Handlungsfreiheit zu behalten. Er ist die Voraussetzung Gewohnheitsmuster und Automatismen zu verändern (s.a. Ego-State-Ansätze)

Achtsames Gewahrsein mit Geist und Herz bietet uns die Möglichkeit, Kraft zu schöpfen, bewusst zu werden, welchen Einflüssen man unterliegt und die Botschaften des Inneren wahrzunehmen. Achtsamkeit zentriert uns auf das Geschehen im Hier und Jetzt, unterstützt unsere Kräfte der Selbstregulation und wird zur inneren Kraftquelle, zur Ressource, die uns hilft den Geist zu beruhigen und zu reinigen, das Herz zu öffnen sowie die Aufmerksamkeit und die Handlungen zu verfeinern.

Einer der ersten und bekanntesten Lehrer und Forscher über Achtsamkeit ist Prof. John Kabat-Zinn, der seit 1979 an der University von Massachusetts ein Klinisches Zentrum leitet, in dem Menschen mit schwersten chronischen Erkrankungen überwiegend mit Praktiken der Achtsamkeit behandelt werden.

Der neueren Forschung gemäß gehören Achtsamkeitspraktiken zu den wirksamsten Methoden der Rückfallprävention bei Stress, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Ängsten, Zwängen, traumabedingten Störungen, Allergien, chronischen Krankheiten, Krebs, etc.. Schmerzen, destruktive Denkgewohnheiten, traumatisches Erleben und andere zunächst unveränderbare Stressoren können damit handhabbar gemacht werden.

Konsequent betriebene Achtsamkeitspraxis bewirkt u.a. folgende Veränderungen im Gehirn:

  • deutlich erhöhte Aktivität in Zentren des Gehirns, die für das Glückserleben zuständig sind
  • Verbesserung der Gesamtkoordination der Gehirnfunktionen
  • Bessere Werte des Immunsystems; Rückbau von Stressparametern
  • Verlangsamung des Alterungsprozesses der Zellen
  • Bessere Heilungsraten bei diversen Krankheiten (schneller, vollständiger, weniger Rückfälle)

 

 “Jeder weiß das Nützliche zu nutzen, aber kaum jemand kennt den Nutzen von etwas Nutzlosem” – Chuang-Tzu

 

Ein Nachteil dieses Wundermittels ist, dass es nicht in Pillenform verfügbar ist, sondern eingeübt werden muss. Es hat ebenso eine Lernkurve wie Gehen, Autofahren oder das Beherrschen einer Sprache.

Wenn Sie Achtsamkeit erlernen wollen brauchen Sie dafür Zeit, Geduld und die Bereitschaft etwas zu kultivieren, was sich zunächst einmal wie Nichtstun anfühlt.

Je mehr man übt, desto stabiler wird das Gewahrsein und desto länger kann man darin verweilen ohne von Gedanken, Gefühlen oder Sonstigem mitgerissen zu werden. Mit der Übung werden neuronale Verbindungen aufgebaut, die im Laufe der Übungspraxis an Stärke gewinnen und uns diese Stabilität des Bewusstseins überhaupt erst ermöglichen.

Ich nutze Praktiken der Achtsamkeit wie oben beschrieben innerhalb der Therapiesitzungen.

Prinzipiell können Sie Praktiken der Achtsamkeit in jeder stillen oder bewegten Form (Tai Chi, QiGong, Yoga) der Meditation kennenlernen.

Darüber hinaus wird Achtsamkeit auch in speziellen Kursen geschult. Sie finden diese unter dem Stichwort MBSR (www.mbsr-verband.org).